Geschichte   •   Architekt Laves

Ein Quartier mit Geschichte:


Die Lavesstraße und das Warmbüchenviertel

Wussten Sie, dass die Lavesstraße vor rund 150 Jahren in großen Teilen noch gar nicht
zu Hannover gehörte? Tatsächlich bildete der Schiffgraben über viele Jahrhunderte die Grenze der Stadt Hannover: ein Graben, auf dem Flößer frisches Holz aus der Eilenriede brachten. Die Steinmauer mit einem prächtigen Balustradengeländer, die das Steilufer
des Schiffgrabens bildete, existiert heute noch - allerdings wurde sie um 1864 "geschleift" und zum Engesohder Friedhof in der Südstadt gebracht, wo sie jetzt als nördliche Begrenzungsmauer nahe der Waldorfschule steht. Wer heute die Lavesstraße entlang-
flaniert, überquert diese alte Grenze fast unmerklich. Was aber geblieben ist, ist die Vielzahl der historischen Relikte, die sich entlang der Lavesstraße und im Warmbüchenviertel finden.

So steht zum Beispiel die einzig erhaltene Renaissance-Steinfassade (A) Hannovers in der Lavesstraße - heute ist es die Hausnummer 82. Im Jahr 1663 wurde sie für den Kaufmann Johann Overlach und seine Frau Anna Kleine (Doppelwappen über dem Eingang) errichtet von Baumeister Siemerding (Meisterschild im 3. OG rechts). Ursprünglich stand das dazugehörige Haus an der Marktkirche, also im Herzen der Altstadt. Als 1884 Platz geschaffen werden
sollte im damaligen Zentrum Hannovers und mehrere Häuser rund um die Marktkirche abgerissen wurden, da wurde die historisch wertvolle Fassade "transloziert", also in mühsamer Kleinarbeit versetzt vor das Gebäude mit der heutigen Adresse Lavesstraße 82.

Obwohl 85 Prozent der Innenstadt in den Bombennächten vor allem des Jahres 1943 zerstört wurden, haben sich in der Lavesstraße und in ihrem direkten Umfeld mehrere schöne Gründerzeitbauten erhalten. Etwa das Gebäude Lavesstraße 72, zu dem Eltern aus dem gesamten Stadtgebiet strömen, weil dort die "Hebammenpraxis in der Mitte" beheimatet ist (und die Schaumzentrale mit ihrer großen Schaumstoffauswahl, die Espressobar "Il mio caffe" und das Pfeifengeschäft "König & Schubert"). Oder das prachtvolle Eckgebäude mit der Adresse Lavesplatz 1 (Gaststätte Stadt Berlin, Pizzeria La Gazella, brz Immobilien, Beauty Calla und das Atelier Nowa). Ganz frisch als Kleinod herausgearbeitet ist das neue Grand Palace Hotel (B), das 2010 nach aufwändigem Umbau in die einstige Reichsbahn- verwaltung (Lavesstraße 77) eingezogen ist. Der langgestreckte Backsteinbau hat den kriegszerstörten Mittelgiebel und damit viel von seiner alten Pracht zurückerhalten - jeder Ziegelstein musste wegen des Sonderformats in Handarbeit nachgebrannt werden. Heute ist ein Viersterne-Hotel mit 94 Zimmern und einer rustikalen Gastronomie im alten Kellergewölbe dort beheimatet. Sehenswert ist vor allem das große Portal, dessen alte Pracht durch die verglaste Front gut einsehbar ist.

Auch in den umliegenden Straßen des Warmbüchenviertels ist vieles von der Vorkriegsarchitektur noch erhalten. Etwa die kunstvolle Fassade des Gebäudes Blumenstraße 7 (C)
mit seinem Holzturm, die Direktorenvilla in der Bertastraße gegenüber der ehrwürdigen Bertaklinik oder das große Steinportal (D) in der Arnswaldtstraße/Ecke Warmbüchen- straße. Dort sind jüngst 100 Neubauwohnungen entstanden, an den Vorgängerbau, ein historisches Verwaltungsgebäude des Palaisarchitekten Hermann Schaedtler, erinnert der Torbogen, der beim Abriss gerettet wurde.

Fast unbekannt ist, dass im Warmbüchenviertel die Uhren nach dem Mond gehen - oder zumindest eine: Die Turmuhr der Gartenkirche (E) in Richtung Marienstraße ist die einzige Monduhr Hannovers. Sie zeigt an, welche Mondphase derzeit aktuell ist, ob also derzeit abnehmender oder aufgehender, Voll- oder Neumond ist. Der zur Kirche gehörende Gartenfriedhof (E) ist ein historischer Friedhof, der heute als Park genutzt wird. Wer an den steinernen Grabstätten entlangflaniert, entdeckt zahlreiche Namen alter hannoverscher Familien, die hier ihre Begräbnisstätten haben. Die Arnswaldts und Rumanns liegen hier, Georg Friedrich Grotefend (Entdecker der Keilschrift) ist ebenso bestattet wie die berühmte Astronomin Caroline Herschel, die Beamtenfamilie von Hinüber hat ihre Grabstätte auf dem Gartenfriedhof ebenso wie die Bürgermeisterfamilie Iffland. Das international berühmteste Grab ist wohl das der Familie Kestner, wo auch Charlotte Kestner (geborene Buff) be- stattet ist, die als Werthers Lotte in Goethes Roman unsterblich wurde. Eine Bürgerinitiative hat sich der Pflege des Friedhofparks verschrieben und vergibt Patenschaften zur Betreuung der Grabstätten.

Das Gebiet rund um die Lavesstraße war wegen der Innenstadtnähe immer auch schon begehrter Standort für Verwaltungen. Prominentestes Gebäude in dieser Hinsicht ist der Prunkbau der einstigen Ständeversammlung im Warmbüchenviertel (heute: Finanz- ministerium am Schiffgraben). Zu den großen Verwaltungsstandorten zählt auch die Landwirtschaftskammer Niedersachsen mit ihrem frisch modernisierten Traditionssitz zwischen Laves- und Johannssenstraße (in den weißen Hochhaustrakt zieht in Kürze die Finanzverwaltung der Stadt Hannover ein). Mitarbeiter- stärkstes Unternehmen im Viertel ist die VGH Versicherung, die ihren Stammsitz zwischen Warmbüchenstraße und Schiffgraben gerade erst um drei weitere Neubauten erweitert hat, die sich um einen Steinhof gruppieren. Dort ist jüngst die neue Großplastik "Prosopagnotisches Netz" des Kunstprofessors Raimund Kummer (Braunschweig/Berlin) enthüllt worden - neuer Blickfang für Kunstinteressierte im Innenstadtquartier. Schräg gegenüber erstaunt die Galerie Kestner/Ahlers Pro Arte (F) immer wieder mit überraschender Kunst. Jüngster Zuwachs in Sachen Verwaltungsstandort wird der Neubau der Ärzteversorgung Niedersachsehn im Gutenberghof an der Nordostflanke der Lavesstraße. In dem linsenförmigen Natursteingebäude mit großen Schaufenstern zum Cityring werden etliche neue Arbeitsplätze angesiedelt, die der Einkaufsmeile neue Kundschaft bringen.

Text: Conrad von Meding; Fotos: Gerrit Castenow